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Slow Sex im Selbsttest: Was mir der Sexreport 2026 beigebracht hat

Früher gab ich jedem Abend im Bett zwanzig Minuten. Dann las ich den Great British Sex Report 2026 und probierte Slow Sex, die Exploration Hour und das Soft Solo selbst aus.

von Samara · 7 Min. Lesezeit

Zwanzig Minuten. So lange gab ich früher einem Abend im Bett, bevor ich innerlich auf die Uhr schaute. Wenn bis dahin nichts „passiert“ war, hatte ich das Gefühl, irgendwas falsch gemacht zu haben. Ich war schnell, ich war zielstrebig, und ehrlich gesagt war ich dabei oft ein bisschen gestresst. Als mir dann der Great British Sex Report 2026 in die Finger kam, las ich ihn wie einen Spiegel. Dieser Sexreport beschreibt nämlich eine Bewegung weg vom Leistungsgedanken, hin zu Slow Sex, zu gemeinsamem Entdecken und zu Momenten, in denen der Orgasmus einfach mal keine Hauptrolle spielt. Ich habe mir angeschaut, was in dem Bericht steht, und es danach selbst ausprobiert. Hier ist mein Selbsttest und das, was er mir beigebracht hat.

Die Zahlen hinter dem Report

Hinter dem Report steht Superdrug Online Doctor, eine Online-Arztpraxis aus Großbritannien. Befragt wurden über 2.000 Erwachsene, die sexuell aktiv sind, alle aus dem Vereinigten Königreich. Man könnte also sagen, das betrifft uns hier gar nicht. Nur: Wenn ich die Zahlen in meinem Wiener Freundeskreis erwähne, nicken alle. Den ganzen Bericht kannst Du direkt bei Superdrug Online Doctor nachlesen.

Ein paar Werte sind bei mir hängen geblieben. Mit dem Partner erlebt nur ungefähr jede vierte Frau jedes Mal einen Orgasmus. Bei Männern ist es beinahe jeder zweite. Und dann die Sache mit dem Vortäuschen. 58 Prozent der befragten Frauen geben zu, irgendwann Erregung gespielt zu haben, die gar nicht da war, um den anderen nicht zu kränken. Bei 59 Prozent war der Grund schlicht, dass es schneller vorbei sein sollte.

Ich lese daraus keinen Vorwurf an Frauen. Ich lese daraus, dass viele von uns nach einem Skript Sex haben, in dem genau eine Szene wirklich zählt, nämlich die letzte. Alles davor ist Anlauf. Wer so denkt, fängt irgendwann an, Theater zu spielen, sobald diese letzte Szene nicht klappen will.

Spannend wird der Report bei der Frage, worauf die Leute 2026 Lust haben. Platz eins der Turn-ons ist gutes Küssen. Direkt dahinter folgt mit 39 Prozent schon Slow Sex, und zwar vor Dirty Talk und vor Spielen mit den Nippeln. Auch die Trends, die der Bericht für das Jahr ausruft, ziehen in dieselbe Richtung. Da wäre die „Exploration Hour“, eine feste Stunde zum Ausprobieren. Der „Sensation Shuffle“ setzt auf Temperatur, verschiedene Texturen und Klänge. Mit dem „5-Minute Foreplay Fix“ sind kleine Momente der Nähe im Alltag gemeint, und das „Soft Solo“ steht für achtsame Selbstbefriedigung mit Audios und Kopfkino. Klingt ein wenig nach Hochglanzbroschüre aus dem Spa? Stimmt. Trotzdem steckt eine echte Idee dahinter. Unterwegs sein zählt mehr als ankommen.

Mein erster Versuch mit Slow Sex

Kurz zur Begriffsklärung, weil ich anfangs selbst schiefe Bilder im Kopf hatte. Slow Sex heißt nicht Zeitlupe mit Klangschale und Räucherstäbchen. Gemeint ist, das Tempo runterzufahren und die Aufmerksamkeit hochzudrehen. Du berührst, ohne dass die Berührung zu etwas führen muss. Du hältst Blickkontakt ein paar Sekunden länger, als es sich bequem anfühlt. Du atmest, spürst, wartest. Eine feste Technik gibt es nicht. Am Anfang ist das ungewohnt, manchmal sogar etwas albern.

Mein erster Versuch sah so aus. Ich hatte jemanden zu Besuch, und wir hatten vorher abgemacht, dreißig Minuten lang ausschließlich zu streicheln. Kein Eindringen, kein Ziel, nichts zum Abhaken. Er ließ mich auf den Bauch drehen und fuhr mit den Fingerkuppen über meinen Rücken. Derart langsam, dass ich mit der Zeit ahnen konnte, wohin seine Hand als Nächstes wandern würde, noch bevor sie dort war. Nach zehn Minuten wurde ich zappelig. Ich wollte, dass endlich „was passiert“. Genau da bin ich drangeblieben, ein paar Minuten länger, als mir lieb war. Das würde ich jedem raten, der ungeduldig wird, denn die Ungeduld ist meistens bloß der vertraute Leistungsdruck, der mal wieder dazwischenruft. Zehn Minuten später zog sich die Gänsehaut bis hinunter in die Kniekehlen. Nach einer halben Stunde wollte ich ihn so dringend, dass unsere Abmachung plötzlich ziemlich theoretisch wirkte.

Das ist der Trick an der Sache. Langsamkeit macht heiß, auf eine Weise, die ich im Schnelldurchgang nie erlebt hatte. Das ist auch keine reine Kopfsache. Erregung braucht Zeit, Frauen brauchen im Schnitt spürbar mehr davon als Männer. Bekommt der Körper diese Zeit, wird er besser durchblutet, feuchter, empfindlicher. Ein Orgasmus, der dann kommt, fühlt sich meist tiefer an und hält länger. Deshalb hilft Slow Sex häufig gerade Frauen, die sich mit dem Kommen schwertun. Halten solche Schwierigkeiten länger an, solltest Du mit einer Ärztin oder einer Sexualtherapeutin darüber sprechen. Und wenn der Orgasmus ausbleibt? Dann ist das kein Scheitern. Dazu gleich mehr.

Exploration Hour im Kalender: unsexy oder genial?

Laut Report möchten sich 22 Prozent der Befragten 2026 jede Woche eine Stunde freihalten, in der es nur ums Ausprobieren geht. Das ist die Exploration Hour. Meine erste Reaktion war ein Augenrollen. Sex nach Kalender, wie unsexy ist das denn? Meine zweite Reaktion war unangenehmer. Wann hatte ich zuletzt eine ganze Stunde, in der wirklich gespielt wurde? Ohne Handy daneben, ohne Müdigkeit, ohne dass es zwischen Abendessen und Serie nebenher lief? Ich wusste es nicht. Vielleicht ist die Idee also doch genial.

Ausprobiert habe ich sie mit einem Date, das ich sowieso gern mochte. Ein Sonntagnachmittag, Vorhänge zu, beide Handys in der Küche. Eine einzige Regel. Alles ist erlaubt, nichts muss irgendwohin führen. Wir haben mit Kälte und Wärme gespielt, erst ein Eiswürfel am Hals, danach ein warmes Handtuch. Einer trug eine Augenbinde und musste raten, womit er gerade berührt wurde. Irgendwann redeten wir über Fantasien, die sonst brav im eigenen Kopf bleiben. Ich habe ihm erzählt, wie sehr ich es mag, wenn er sich Zeit lässt. Er hat mir gezeigt, an welcher Stelle am Hals er besonders empfindlich ist. Kleinigkeiten, klar. Aber genau die sagt man sich nie, solange es jedes Mal sofort zur Sache geht.

Das Geniale an dieser Stunde? Sie nimmt den Druck aus dem Raum. Was gar kein Ziel hat, kann auch nicht schiefgehen. Lustigerweise ist er bei uns trotzdem passiert, bloß anders. Weniger Sprint, eher ein langes, neugieriges Gespräch, das der ganze Körper führt.

Kommen muss niemand

Jetzt wird es persönlich. Jahrelang dachte ich, guter Sex bedeute, dass beide kommen, am liebsten zur gleichen Zeit und am liebsten hörbar. Die Zahlen aus dem Report zeigen, wie viele Frauen an dieser Messlatte scheitern und lieber eine Show abliefern, als diese Erwartung zu enttäuschen. Ich gehörte dazu. Nicht jedes Mal, aber öfter, als ich mir eingestehen wollte. Inzwischen sage ich mir vorher einen ganz einfachen Satz. Kommen muss heute niemand.

Verändert hat sich vor allem, was ich mich hinterher frage. Früher lautete sie „Bin ich gekommen?“. Heute lautet sie „Habe ich mich gespürt?“. Über Nacht ist der Orgasmusdruck dadurch nicht verschwunden. Er sitzt aber nicht mehr am Kopfende und gibt Anweisungen. Sinnliche Momente zählen bei mir inzwischen für sich allein. Eine lange Massage, aus der nichts weiter wird. Küssen unter der Dusche, bis das Wasser kalt wird. Lauter Dinge, die früher für mich bloß Vorspiel gewesen wären und die heute für mich vollwertiger Sex sind.

Der Report hat für diese kleinen Zwischendurch-Momente den Namen 5-Minute Foreplay Fix. Gemeint ist Nähe, die Euch verbunden hält, ohne dass daraus jedes Mal eine komplette Session werden muss. Fünf Minuten Streicheln, bevor der Wecker ein zweites Mal klingelt. Eine Sprachnachricht mittags, in der Du bloß erzählst, was Du Dir für den Abend wünschst. Ein Kuss an der Haustür, der deutlich länger dauert, als er müsste.

Soft Solo: Langsamkeit für Dich allein

Das Ganze funktioniert auch ohne zweite Person. Beim Soft Solo befriedigst Du Dich achtsam selbst, mit einem erotischen Audio im Ohr, eigenem Kopfkino und ganz langsamen Händen. Kein Training hat mir das Zielen so gründlich abgewöhnt. Ich nehme mir Zeit, ohne dass am Ende etwas „erledigt“ sein muss. Seitdem verstehe ich meinen Körper besser als nach all den Jahren im Eiltempo. Langsamkeit allein zu üben ist übrigens viel leichter, weil Dir dabei niemand zuschaut. Falls Dich das Thema reizt, schau in meinen Artikel über gelebte Sexpositivität. Darin geht es um genau diesen freundlicheren Blick auf Dich selbst.

Was nach ein paar Monaten bleibt

Ich lese gern Trendberichte, glaube aber nicht, dass Lust sich nach dem Kalenderjahr richtet. Für mich steckt in dem Bericht eher eine Erlaubnis als ein Trend. Langsam sein ist okay. Sex, der nirgendwo ankommt, ist okay. Eine Stunde nur spielen und hinterher sagen, dass es schön war, obwohl niemand gekommen ist, auch das ist okay. Und mit dem Vorspielen von Lust darfst Du ganz aufhören. Echte, langsame, neugierige Berührung erregt Dich am Ende viel mehr als das perfekteste Finale.

Nach ein paar Monaten mit Slow Sex, fester Spielstunde und kurzen Momenten zwischendurch bleibt eine ziemlich nüchterne Bilanz. Ich habe nicht häufiger Sex als vorher. Ich habe besseren. Und seit dem Frühjahr habe ich nie wieder etwas vorgetäuscht. Bewusste Intimität mag nach Ratgeberregal klingen, dabei ist sie simpel. Keine Mode zum Mitmachen, eher eine Haltung, und die fängt mit einem Entschluss an. Heute Abend jagst Du keinem Orgasmus hinterher. Du spürst einfach.

Und wie hältst Du es? Eher Sprint oder eher Spaziergang im Bett? Erzähl es mir gern in den Kommentaren. Mich interessiert, ob Langsamkeit Dich ebenfalls so überrascht hat.

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