Liebe

Liebe reicht nicht: Warum wir gesehen und begehrt werden wollen

Viele Frauen werden geliebt und fühlen sich trotzdem unsichtbar. Warum es in langen Beziehungen auf Aufmerksamkeit und Begehren ankommt und wie Liebe beim anderen wirklich ankommt.

von Samara · 8 Min. Lesezeit

„Er ist ein guter Mann. Wirklich. Aber manchmal komme ich mir vor wie ein Möbelstück, das immer am selben Platz steht.“ Das hat mir eine Freundin vor ein paar Wochen gesagt, während wir in ihrer Küche saßen und der Tee längst kalt geworden war. Neun Jahre ist sie mit ihrem Mann zusammen. Zwei Kinder, eine schöne Wohnung, kaum Streit. Von außen sieht das nach einer Bilderbuchbeziehung aus. Und trotzdem fehlt ihr etwas, das sie lange nicht benennen konnte.

Ich wusste sofort, was sie meint. Vermutlich weißt Du es auch. Wir sprechen gern so, als wäre Liebe die Antwort auf alles. Wer geliebt wird, hat doch, was er braucht, oder? Leider nicht ganz. Liebe reicht nicht, wenn sie still im Herzen des anderen bleibt und nie bei uns ankommt. Gesehen werden gehört dazu. Begehrt werden genauso, auch nach Jahren, auch zwischen Wäschebergen und Elternabenden. Um genau diesen Unterschied geht es hier.

Zwischen Lieben und Wahrnehmen liegt ein Unterschied

Liebe ist in einer langen Partnerschaft oft so etwas wie das Grundrauschen. Sie ist da, sie wird nicht mehr hinterfragt. Ihr habt Euch, und zwar füreinander entschieden. Das ist kostbar, keine Frage, denn ohne dieses Fundament hält gar nichts. Nur wohnt niemand gern auf einem nackten Fundament. Zwischen Lieben und Wahrnehmen liegt ein Unterschied, den viele Paare erst bemerken, wenn er schon wehtut.

Wahrgenommen zu werden ist viel konkreter. Dazu gehört, dass Dein Partner mitkriegt, in welcher Verfassung Du an diesem Dienstag bist, nicht so im Großen und Ganzen. Dass ihm auffällt, wenn Dein Lächeln müde ist. Dass er weiß, dass Du morgens dieses unangenehme Gespräch mit der Bank hattest, und abends danach fragt. Dass er die Frau kennt, die Du jetzt bist, und nicht bloß die, in die er sich vor zehn Jahren verliebt hat.

Die Psychologie hat dafür ein ziemlich trockenes Wort gefunden. Der Beziehungsforscher Harry Reis spricht von wahrgenommener Responsivität. Damit beschreibt er, wie sehr jemand spürt, dass der Partner ihn versteht, schätzt und sich um ihn kümmert. Seine Forschung zeigt, dass genau dieses Gefühl ganz wesentlich darüber entscheidet, wie nah und zufrieden sich Menschen in ihrer Beziehung fühlen. Es sind also weniger die großen Schwüre, die zählen. Viel wichtiger ist das unscheinbare Gefühl im Alltag, dass der andere mitbekommt, was mit Dir los ist.

Wie sich echtes Gesehenwerden anfühlt

Ich kenne auch die andere Seite. Vor einigen Jahren war ich mit einem Mann zusammen, an dessen Liebe ich nie gezweifelt habe. Er war treu, zuverlässig, sagte oft „Ich liebe Dich“ und hätte mir jeden Umzugskarton in den vierten Stock getragen. Und doch fühlte ich mich damals seltsam durchsichtig. Ich kam mit einer neuen Frisur nach Hause, und er sah von seinem Teller kaum auf. Ich erzählte von einer Idee, die mich seit Wochen nicht losließ, und bekam ein freundliches „Klingt gut“. Böse gemeint war das nie. Er ruhte einfach in seinem Gefühl. Für ihn war die Sache klar. Für mich war sie es nicht.

Echtes Gesehenwerden fühlt sich anders an. Der andere bleibt neugierig. Er hakt Dich nicht als bekanntes Kapitel ab, bloß weil Ihr Euch schon so lange kennt. Wir verändern uns ständig, mit jedem Job, jeder Krise, jedem Geburtstag. Wenn Du nach vielen Jahren noch spürst, dass Dein Partner wissen will, wer Du gerade bist, dann fühlt sich die Beziehung lebendig an. Fehlt das, wird es leise einsam, obwohl Ihr jeden Abend nebeneinander auf dem Sofa sitzt.

Begehren: Das Erste, was im Alltag verschwindet

Über das nächste Gefühl reden wir viel seltener, obwohl es mindestens genauso wichtig ist. Begehren. Nicht gemocht, nicht geschätzt, sondern gewollt werden. Du kennst diesen Moment vielleicht. Ihr seid auf einer Feier, er steht am anderen Ende des Raumes und schaut Dich an, und Du weißt ganz genau, woran er gerade denkt. Oder seine Finger bleiben beim Vorbeigehen eine Sekunde länger an Deiner Taille hängen, als es nötig wäre. Oder er beugt sich zu Dir und sagt leise, dass er es kaum erwarten kann, mit Dir allein zu sein. Und es klingt nicht höflich. Es klingt nach Absicht.

Für viele Frauen ist so ein Moment kein hübsches Extra. Er gehört zum Kern ihrer Lust. Marta Meana, Sexualforscherin an der University of Nevada, untersucht seit vielen Jahren, wie weibliches Verlangen funktioniert. Eine ihrer zentralen Beobachtungen lautet, dass Lust bei vielen Frauen stark daraus entsteht, sich selbst als begehrt zu erleben. Spüren wir, dass er uns will, wächst oft auch unser eigenes Verlangen nach ihm.

Und genau dieses Gefühl ist leider oft das Erste, was im Alltag verschwindet. Irgendwann seid Ihr ein eingespieltes Team. Wer holt die Kinder, wer bezahlt die Stromrechnung, wann kommt Deine Mutter zu Besuch. Die Paartherapeutin Esther Perel hat das sehr treffend beschrieben. Verlangen braucht ein wenig Distanz und Neugier, man muss im anderen noch einen eigenständigen, faszinierenden Menschen sehen. Wer in seiner Partnerin nur noch die Mitbewohnerin sieht, kann sie schwer begehren. Fühlt sich eine Frau nicht mehr gewollt, geht sie häufig innerlich auf Abstand. Manchmal merkt sie selbst kaum, warum.

Der alte Spruch, dass er mehr lieben sollte

Kennst Du den alten Spruch, nach dem eine Beziehung länger hält, wenn er sie mehr liebt als sie ihn? Er sollte also der sein, der mehr gibt. Meine Großmutter hat diese alte Weisheit gern zitiert, meist mit erhobenem Zeigefinger. Ich fand das als junge Frau furchtbar altbacken. Eine Studie, die genau diesen Satz belegt, gibt es übrigens auch nicht. Trotzdem steckt für mich mittlerweile ein wahrer Kern darin, wenn man ihn richtig liest.

Es geht nämlich nicht darum, dass er ihr wie ein Hündchen hinterherläuft, während sie sich bequem zurücklehnt. Wenn einer ständig um Zuneigung kämpfen muss, kippt jede Beziehung früher oder später. Ich verstehe es so: Sein „mehr“ besteht darin, dass er seine Liebe sichtbar macht. Er investiert, bleibt aufmerksam und bemüht sich um sie, auch wenn sie längst „seine“ ist.

In diese Richtung weist tatsächlich auch die Forschung. Der Beziehungsforscher John Gottman hat frisch verheiratete Paare begleitet. Dabei zeigte sich ein klares Bild. Die Ehen hielten spürbar besser, wenn der Ehemann den Einfluss seiner Frau zuließ, also ihre Wünsche, Sorgen und Ansichten ernst nahm, statt sie abzuwehren. Er ließ sich also etwas sagen und schaltete nicht auf Durchzug. Dazu passt ein weiterer Befund aus den USA. Etwa zwei Drittel aller Scheidungen werden dort von Frauen eingereicht. Oft ist die Liebe dabei gar nicht erloschen. Diese Frauen haben sich bloß schon lange nicht mehr gesehen gefühlt.

Gefühl im Inneren, Wirkung im Außen

Wenn ich das alles zusammennehme, landet es bei einem Gedanken. Für viele Männer ist Liebe in erster Linie ein Gefühl im Inneren. Seine Gefühle für sie sind ihm klar, und das genügt ihm. Für viele Frauen zählt dagegen die Wirkung im Außen, also das, was sein Verhalten in ihr auslöst. Sie kann ja nicht in ihn hineinschauen. Also beurteilt sie die Beziehung nach dem, was bei ihr landet.

Ein Mann kann also von Herzen lieben und seine Frau trotzdem verlieren. Seine Liebe ist echt, aber sie kommt nicht bei ihr an. Sie fühlt sich ungeliebt, obwohl sie es gar nicht ist. Genau darum hat der Spruch meiner Großmutter einen wahren Kern. Eine Liebe, die man zeigt, kann der andere auch spüren.

Klar, das ist eine Verallgemeinerung. Es gibt Männer, die ganz anders ticken, und Frauen ebenso. Auch in gleichgeschlechtlichen Paaren taucht genau diese Dynamik auf, denn gesehen werden wollen wir am Ende alle. In heterosexuellen Beziehungen begegnet mir das Muster aber auffallend oft. Bei Freundinnen, in Nachrichten von Leserinnen und, wie gesagt, auch in meiner eigenen Geschichte.

Kleine Gesten, die ihr zeigen: Ich sehe Dich

Jetzt die schöne Seite. Um Deiner Partnerin das Gefühl zu geben, gesehen und begehrt zu sein, brauchst Du weder Schmuck noch eine Wochenendreise nach Paris. Es sind kleine Gesten, die ihr zeigen, dass Du sie siehst, solange sie immer wieder passieren. Falls Du als Mann gerade mitliest, oder falls Du überlegst, diesen Text unauffällig an Deinen Partner weiterzuleiten, hier ein paar Anregungen.

  • Hör mit den Augen zu. Wenn sie erzählt, kommt das Handy weg. Ein ungeteilter Blick zeigt mehr Interesse als jedes „Ja, ich hör ja zu“ in Richtung Bildschirm.
  • Mach Komplimente, die man glaubt. „Siehst gut aus“ ist freundlich. „In diesem Pullover möchte ich Dich am liebsten gar nicht erst aus dem Haus lassen“ bleibt ihr den ganzen Tag im Kopf.
  • Merk Dir die kleinen Dinge. Frag nach, wie das Meeting mit der neuen Chefin gelaufen ist, was beim Arzt rauskam oder wie es ihrer Schwester inzwischen geht. Wer sich erinnert, hat zugehört.
  • Zeig Dein Begehren nicht erst im Bett. Ein Kuss an der Haustür, der ein bisschen zu lange dauert. Deine Hand in ihrem Nacken, während sie am Herd steht. Ein vielsagender Blick, während Freunde zum Essen da sind.
  • Berühr sie, ohne etwas zu wollen. Das klingt paradox, ist es aber nicht. Wird jede Umarmung zum Vorspiel, kommt sie sich irgendwann benutzt vor statt gewollt. Zärtlichkeit ohne Ziel gibt ihr Sicherheit, und erst daraus kann Lust wachsen.
  • Stell neue Fragen. Wovon träumt sie gerade? Was würde sie gern ausprobieren? Was hat sie diese Woche zum Lachen gebracht? Nach Jahren gibt es mehr zu entdecken, als Du denkst.
  • Sprich es aus. Sag ihr, wie sehr Du sie willst, wie stolz Du auf sie bist und dass sie Dir heute besonders gefällt. Gedanken, die Du für Dich behältst, erreichen sie nicht.

Und an uns Frauen ein kleiner Gedanke zum Schluss dieses Abschnitts. Männer können keine Gedanken lesen. Viele ahnen nicht einmal, dass bei uns zu wenig ankommt, weil es sich von innen für sie so eindeutig anfühlt. Erzähl ihm, was Dir fehlt. Bitte nicht als Anklage, sondern als Einladung. „Ich mag es so sehr, wenn Du mich anschaust wie früher“ bewirkt meist mehr als „Du nimmst mich überhaupt nicht mehr wahr“.

Am Ende zählt, was ankommt

Liebe ist der Anfang. Ohne sie geht nichts. Damit eine Beziehung aber über viele Jahre warm, lebendig und auch heiß bleibt, reicht ein Gefühl, das irgendwo tief drinnen wohnt, nicht aus. Am Ende zählt, was ankommt. Ein Blick, der sagt, dass Du gesehen wirst. Hände, die sagen, dass Du gewollt bist.

Meine Freundin hat sich übrigens ein paar Wochen nach unserem Küchengespräch wieder gemeldet. Sie hatte mit ihrem Mann geredet, ruhig und ohne Vorwürfe. Ein paar Tage später stand er morgens schon mit der Jacke in der Hand im Flur, drehte sich noch einmal um und sah sie einfach nur an. „Was ist?“, fragte sie. „Nichts. Ich sehe Dich nur gerade so gern an.“ Mehr braucht es manchmal nicht.

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